Ashura: Das Trauerfest in Mumbai

Es ist gewissermaßen Zufall, dass wir uns plötzlich inmitten einer halbnackten Meute wiederfinden, die sich mit Messern, Schwertern und kleinen, an Ketten befestigten Klingen den eigenen Rücken, oder wahlweise auch den Kopf aufschneidet.

Ein junger Mann mit zerschnittenem Rücken während des Ashura-Trauerfests in Mumbai, Indien, 2015.

Eigentlich sind wir gerade erst in Indien gelandet und haben unseren ersten Tag damit verbracht, einen Streifzug durch jenes Viertel der schwülen Küstenstadt Mumbai zu unternehmen, welches für die nächsten Tage Stützpunkt und gleichzeitig Ziel unserer Operationen sein soll. Und obwohl wir natürlich routinemäßig unsere Kameras bei uns tragen, ist es bestimmt nicht unsere Absicht gewesen, noch an diesem Abend Dutzende Male den Auslöser zu drücken.

Eine Gruppe von Männern während des Ashura-Trauerfests in Mumbai, Indien, 2015.

Dass an diesem 23. Oktober 2015 Muslime auf der ganzen Welt “Ashura” feiern sollten, war uns während unserer gründlichen Vorabrecherche wohl konsequent entgangen. Umso bizarrer wirkt nun also die Szenerie, in die wir geradewegs eintauchen. Es dauert nur einen Moment, bis uns ein junger Mann ins Visier nimmt und sich uns mit langsamen Schritten nähert.

Eine Gruppe von Männern während der Selbstkasteiung im Rahmen des Ashura-Trauerfests in Mumbai, Indien, 2015.

Geduldig erklärt uns der Student die Geschehnisse um uns herum. Wir lernen, dass Ashura den zehnten Tag des islamischen Monats “Muharram” bezeichnet und für die hier zusammen- gekommene Gemeinde schiitischer Muslime den Höhepunkt der Trauerfeierlichkeiten zu Gedenken des Imam Hussein Ibn Ali markiert, der im Jahr 680 in der Schlacht von Kerbela getötet wurde. Die Selbstgeißelung spielt dabei für viele Schiiten offenbar eine entscheidende Rolle, um ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen.

Ein Junge während des Ashura-Trauerfests in Mumbai, Indien, 2015.

Blut besprenkelt unsere Kameras. Unterdessen sitzen verschleierte Frauen und kleine Kinder am Straßenrand und wohnen dem Spektakel bei. So martialisch die Geschehnisse um uns herum auch wirken – unser Empfang hätte nicht freundlicher und offener sein können. Während wir uns in der Menge treiben lassen und die Gläubigen auf ihrer Prozession begleiten, kommen immer wieder junge Menschen auf uns zu und sprechen uns an, manchmal aus reiner Neugier, zuweilen aber auch mit einem klaren Bedürfnis zu erklären.

Ein Mann filmt Gläubige Schiiten bei der Selbstkasteiung während des Ashura-Trauerfests in Mumbai, Indien, 2015.

Erst später, als wir wieder in unserer stickigen Absteige sitzen und bereits per mobilem Internet ein erstes Bild in den sozialen Netzwerken geteilt haben, offenbart sich uns der Hintergrund der ausführlichen Erklärungen – ja beinahe Rechtfertigungen – der jungen Gläubigen. “Das sind keine wahren Schiiten”, heißt es da plötzlich in den Kommentarzeilen, “…das sind keine richtigen Muslime”, schreibt man uns per privatem Chat.

Eine Gruppe von Männern und ein Junge während der Selbstkasteiung in Mumbai, Ashura-Trauerfest, Indien, 2015.

Wir beginnen uns zu Fragen, welche Motivation man hinter der Veröffentlichung eines solchen Bildes vermutet. Wie sehen die Betrachter unsere Arbeit? Was glauben sie, sei unsere Haltung, wenn wir unsere Mitmenschen mithilfe dieser Fotografien an unseren Erlebnissen teilhaben lassen?

Eine Junge Frau während des Ashura-Trauerfests in Mumbai, Indien, 2015.

Uns wird einmal mehr klar, dass Fotografie schnell als Kommentar verstanden wird, als Bewertung des gezeigten – ganz gleich ob positiv oder negativ. Schließlich gibt es ja jedes Mal einen Grund, weshalb man überhaupt seinen Finger auf den Auslöser legt und dann entscheidet, diesen auch tatsächlich zu betätigen.

Ein Mann geißelt sich selbst während des Ashura-Trauerfests in Mumbai, Indien, 2015.

Aber ist das immer “Befürwortung” oder “Ablehnung”? Oder können wir manchmal auch den Dokumentationswert einer Situation erkennen, ohne gleich zu urteilen, ohne den eigentlichen Zweck der Dokumentation vorab zu diktieren?

Ein junge zerschneidet seinen Rücken mit einem kurzen Schwert während des Ashura-Trauerfests in Mumbai, Indien, 2015.

Und noch eine Frage: Wenn die Bilder dieses Essays Gefahr laufen, die Gefühle einiger Personen zu verletzen, wo hören wir dann auf? Wo ziehen wir als Fotografen die Grenze?

Ein Mann zeigt seinen zerschnittenen Rücken während des Ashura-Trauerfests in Mumbai, Indien, 2015.

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