Ein Slum voller Künstler

Indira Gandhi International Airport, Neu-Delhi, 23:11h. Wir steigen aus dem Flugzeug. Unsere Handgepäck-Rucksäcke hängen über unseren Schultern, Patrick trägt dazu das aufgebaute Shoulder-Rig samt Kamera im Arm – diesmal reisen wir so leicht, wie noch nie.

Zwei Auftragsarbeiten warten auf uns in der indischen Hauptstadtmetropole. Ich muss daran denken, wie schnell die letzten Wochen während unserer finalen Vorbereitungen vorbeizogen und wieviel Glück wir hatten, Aufträge samt Deadlines so koordinieren zu können, dass wir letztendlich für einen Monat in Delhi beschäftigt sein würden. Gepaart mit dem, aus logistischer Sicht, niedrigen Schwierigkeitsgrad der Destination Indien, sind dies die Variablen, die uns diesmal ohne große Sorgen aufbrechen lassen.

Puppenspieler Jagdish vor seinem Haus in der Kathputli Kolonie mit seinem Sohn und seinem Enkelkind. Neu-Delhi, 2015.

Sich nicht um Dinge wie eine sichere Trinkwasserversorgung, ein bezahlbares Apartment, Strom oder Nahrung sorgen zu müssen hilft zumindest doch ein Stück weit, sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können – die kreativen Aufgaben.

Wir beginnen unsere Arbeit in der beinahe unerträglichen Spätsommerhitze Neu-Delhis und sind von Anfang an sehr gut ausgelastet. Während wir zwischen den Projekten hin- und herjonglieren, uns mit Informanten treffen und erstes Material schießen, versuchen wir immer wieder, uns ein paar Vor- oder Nachmittage freizuhalten. Die gewonnenen Stunden nutzen wir dann, um uns verschiedene Locations anzuschauen, die für die Umsetzung einer etwas spezielleren Musikvideo-Idee einer befreundeten Bielefelder Band in Frage kommen könnten.

Spielende Kinder in der Kathputli Colony, Neu-Delhi, 2015.

Doch die Zeit ist knapp und ein nennenswerter Erfolg will sich zunächst nicht abzeichnen. Erschwerend kommt dann über Nacht noch hinzu, dass sich Patrick in Woche 3 einen ordentlichen Magen-Darm-Infekt einfängt, der ihn erstmal für eine ganze Weile ins lokale Krankenhaus befördert.

Wir stellen uns mental schonmal auf eine herbe Niederlage – zumindest in Sachen Musikvideo – ein, und rechnen kaum noch damit, auch die Restarbeiten an den Hauptprojekten termingerecht fertigzustellen.

Und genau dann scheint sich ein Silberstreif am Horizont abzuzeichnen. Aus einer Zufallsbegegnung im Touristenviertel Paharganj entwickelt sich eine heiße Spur. Jagdish, ein hagerer Mann von etwa fünfzig Jahren, der durch seine kräftige Stimme und seinen ebenso kräftigen Oberlippenbart leicht im Gedächtnis bleibt, erzählt uns von einer Künstlerkolonie mitten im Herzen Delhis.

Ein Kind sitzt auf einer Steinmauer in der Kathputli Colony, Neu-Delhi, 2015.

Eine Weile später steht unser nun etwas ausgemergeltes Zweimannteam wieder auf den Beinen und wir finden endlich die Zeit und die Kraft, um den Puppenspieler Jagdish in seiner Heimat, dem Armutsviertel namens Kathputli Colony (“Kathputli” bedeutet in etwa “Holzpuppe”) zu besuchen.

Schätzungsweise 2.800 Künstlerfamilien leben in diesem Slum – neben zahlreichen Jongleuren, Feuerspuckern, Musikern und natürlich den namensgebenden Puppenspielern, ist so ziemlich jedes Genre der Kunst in dieser mehr als 60 Jahre alten Kolonie vertreten.

Jagdishs ältester Sohn nimmt ein Bad im Kathputli-Slum, Neu-Delhi, 2015.

Was diesen Ort nun gerade für uns und für das geplante sozialdokumentarische Musikvideo so relevant macht, ist die bevorstehende Zerstörung des Künstlerviertels durch ein Großbauprojekt, welches, so glaubt der Großteil der Bewohner der Kolonie, sie dauerhaft von ihrem Grundstück vertreiben wird.

Da die Ausübung ihres traditionelles Künstlerhandwerks eine gewisse Nähe zum Stadtzentrum voraussetzt, um auf Hochzeiten, Familienfesten und während der zahlreichen Feiertage ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ist allein die vom Bauherren angebotene “vorübergehende” Umsiedlung in ein provisorisches Lager am Stadtrand untragbar.

Kinder streifen durch die Gassen der Kathputli Colony, Neu-Delhi, 2015.

Wir besuchen Jagdish, essen mit ihm und seiner Familie zu Abend und verschaffen uns einen ersten Eindruck des Armutsviertels und seiner Menschen.

Kinder spielen auf den Dächern der Baracken, Frauen kümmern sich um die Wäsche oder bereiten das Essen zu und die Männer geben uns eine Kostprobe ihrer künstlerischen Fähigkeiten.

Ein Mädchen steht auf einem Dach im Künstlerslum Kathputli Colony, Neu-Delhi, 2015.

Nach unserem dritten Nachmittag in der Kathputli Colony steht schließlich fest, dass wir unseren Drehort gefunden haben. Die verbrachte Zeit und die zahlreichen Gespräche mit Jagdish und den anderen Anwohnern zahlen sich schließlich aus – die Leute tauen auf und gewinnen Vertrauen in uns, sodass wir am Folgetag mit den Dreharbeiten beginnen können.

Am Abend vor Drehbeginn muss ich daran denken, wie wir im Prinzip wieder einmal durch eine zufällige Begegnung einen Treffer landen konnten und so wohl doch noch eine Chance bekommen, unsere hochgesteckten Ziele vor unserer Heimreise zu erreichen.

Es scheint sich zu bewahrheiten: Aus jedem noch so kleinen Gespräch, aus jeder noch so flüchtigen Begegnung, kann sich letztendlich etwas sehr Bedeutsames entwickeln.

Ein Kind steht auf einem Dach im Künstlerslum namens Kathputli Colony, Neu-Delhi, Indien, 2015.

Aus dem Pressetext unserer Freunde von Soulbound zu ihrem Album “Myllenium”:

Myllennium ist die Kampfansage gegen Ignoranz und Selbstgefälligkeit, gegen Arroganz und der Aufruf Verantwortung zu übernehmen für nachfolgende Generationen, für unseren Planeten und unsere Mitmenschen. Wollen Soulbound uns etwa belehren? Zeigen die mit dem Finger auf uns?

Nein, ganz und gar nicht. Doch dies sind Themen, die sie persönlich beschäftigen und so den Debütnachfolger Myllenium inhaltlich geprägt haben. Verpackt haben Soulbound diese Gedanken in elf vollwertige Albumtracks und zeigen sich in ihrer vollen Bandbreite. Denn auch eine handfeste Ballade hat ihren Platz auf dem Album gefunden. Doch wer nun musikalische Trübsinnigkeit erwartet, wird eines besseren belehrt.

Soulbound gehen wie immer hart nach vorn und bieten kräftigsten Alternative Metal mit brachialer Präsenz. So mancher Nu Metal Fan wird sich hier und da an die guten alten Zeiten erinnern und ein reminiszentes Lächeln auf seinen Lippen finden. Doch sorgt bei dieser Produktion auch der ein oder andere ruhigere Ton für Abwechslung und noch mehr Tiefe. Mit Myllennium gehen die Bielefelder nicht nur in musikalischer Hinsicht den nächsten Schritt und setzen einen drauf.

Neben der CD erscheint das Album samt aufwendig produzierter Live-DVD und macht das heimische Wohnzimmer zum Moshpit (40 Minuten Liveshow, Wall of Death Kamera, Dolby Digital 5.1 Surround Sound).

Soulbound – Welcome to the Dawn (Official Music Video) – Video Directed by Weinert Brothers

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