A World in Distress – oder weshalb unser erster Bildband zustande kam

Aus dem Prolog unseres dokumentarischen Bildbandes “A World in Distress”.

„Wo soll’s denn hingehen?“, fragt der kleine Mann hinter dem Steuer des Taxis. „Nur die Straße rauf“, antworte ich, weil ich genau weiß, dass er den Transport zu unserem tatsächlichen Ziel vermutlich ablehnen würde. Wir steigen ein. Die Plastiktüten, in denen wir unsere Kameraausrüstung unauffällig transportieren, klemmen wir zwischen die Beine. Ich sitze vorne neben dem Fahrer, mein Bruder Patrick nimmt auf der Rückbank Platz.

Mit jedem Kilometer, den das Taxi Richtung Norden zurücklegt, wächst die Anspannung auf dem Gesicht des philippinischen Chauffeurs. Dumm ist er sicher nicht; schließlich kennt er die Gegend. Doch noch schweigen wir, sicherheitshalber, viel zu groß ist die Gefahr, dass er die Tour abbricht, wenn wir ihm verraten, dass wir tatsächlich in das Armenviertel Tondo wollen.

Mutter und Kind in einem Flüchtlingslager in Cité Soleil, Haiti - Weinert Brothers, A World in Distress (2015)

Mutter und Kind in einem Flüchtlingslager in Cité Soleil, Haiti – Weinert Brothers, A World in Distress (2015)

Als wir die Brücke über den vermüllten Pasig-Fluss überqueren, werde auch ich langsam nervös. „Was machen wir hier eigentlich?“, frage ich mich in einem Anflug von Selbstzweifel, der mich schon seit unserer Ankunft in der Hauptstadt Manila begleitet. Ich schaudere und mein flauer Magen lässt unmissverständlich durchblicken, dass er mir das ganze Vorhaben schlicht nicht zutraut. Statt palmengesäumter Promenaden ziehen mittlerweile Konglomerate aus Wellblech, Pappe und Sperrholz an den Autofenstern des Taxis vorbei. Der Zweck unserer Reise kommt mir auf einmal wie eine beispiellose Schnapsidee vor. Wie konnten wir nur jemals denken, dass ein solches selbstauferlegtes Bootcamp – denn nichts anderes ist dieser Sprung ins kalte Wasser der sozialdokumentarischen Fotografie – erfolgreich ausgehen wird?

Nomadenhirte in der Sahelzone Westafrikas - Weinert Brothers, A World in Distress (2015)

Nomadenhirte in der Sahelzone Westafrikas – Weinert Brothers, A World in Distress (2015)

Drei Wochen in den Slums von Manila stehen auf der Agenda. Zuhause in unserem Heimbüro Schrägstrich Kinderzimmer klang das zugegebenermaßen noch nach einer tollen Möglichkeit, den Erlös aus unserem letzten Werbefilm-Projekt sinnvoll zu investieren. Mit Schrecken stelle ich jetzt aber fest, dass Not, Elend und Kriminalität, aus der Nähe betrachtet, einfach nur ziemlich bedrohlich sind.

Für uns als Kinder des ultimativen Wohlstands, aufgewachsen in der oberen deutschen Mittelschicht, war Armut bisher eine ebenso unbekannte wie erforschenswerte Variable in unserer Weltgleichung. Ein mehrwöchiger Aufenthalt mitten unter den Ärmsten der Armen erschien uns da als ein probates Mittel. Doch jetzt vor Ort erkenne ich auch an Patricks Gesichtsausdruck, dass nicht nur mir ordentlich die Muffe geht. Und auch der Taxifahrer hat mittlerweile Lunte gerochen und fragt unwirsch: „Was wollt ihr ausgerechnet in dieser Gegend? Wir sind hier mitten in den Slums!“ Erst jetzt erkläre ich ihm, dass wir uns die improvisierte Holzkohlefabrik und Müllkippe Ulingan anschauen möchten, die mitten im Elendsviertel Tondo liegt.

Junge Prostituierte in einem Untergrundbordell in Kathmandu - Weinert Brothers, A World in Distress (2015)

Junge Prostituierte in einem Untergrundbordell in Kathmandu – Weinert Brothers, A World in Distress (2015)

Der Mann lacht zuerst hysterisch. Dass wir es durchaus ernst meinen, begreift er erst, als ich ihm erkläre, dass wir Fotografen sind und in den Plastiktüten zu unseren Füßen keine Einkäufe stecken, sondern unsere Kameraausrüstung. „Seid um Himmels Willen vorsichtig! Nehmt eure Uhren ab und lasst eure Kameras in den Tüten, solange es geht!“, warnt er, während er auf die linke Spur wechselt und am Straßenrand abbremst. „Ich gebe euch meine Nummer. Wenn ihr euch in spätestens drei Stunden nicht gemeldet habt, rufe ich die Polizei. Okay?“ Dieses Angebot ist natürlich ausgesprochen nett, aber die offensichtlich sehr reale Bedrohlichkeit unserer Situation verunsichert uns nun doch immens. Entsprechend gequält ist mein Lächeln, als ich mir ein höfliches „Ok, thank you“ abringe, ehe das Taxi anhält. Der Fahrer deutet in Richtung eines riesigen Müllberges, der hinter einem Wirrwarr aus Wellblechunterkünften und Schlammwegen liegt. Dort müssen wir hin. „Gott schütze euch“, hören wir noch und treten nun endgültig hinaus auf die Straße in eine Welt voller Hitze, Staub und Gestank. Ein letztes Innehalten und ein Blick hinüber zu meinem Bruder, dann stapfen er und ich mit weichen Knien auf den Müllberg zu.

Junge Hirten suchen Schutz im Schatten eines Baumes in Oursi, Burkina Faso - Weinert Brothers, A World in Distress (2015)

Junge Hirten suchen Schutz im Schatten eines Baumes in Oursi, Burkina Faso – Weinert Brothers, A World in Distress (2015)

Zweieinhalb Wochen später sitzen wir in einem unterkühlten Fastfood-Restaurant in Pasay City, einem Teil der Hauptstadtregion Manila, und lassen unsere Erlebnisse noch einmal Revue passieren. Bei lauwarmen Nudeln und Eistee aus der Einliterkanne sprechen wir über das absurde Grauen, das in den letzten Wochen allgegenwärtiger Teil unserer Tage war. Die zahllosen Kinder, die in der Flammenhölle der Holzkohlefabrik von Ulingan zusammen mit ihren Eltern Tag und Nacht schuften und dabei kiloweise krebserregenden Ruß einatmen. Der Vater, dessen riesige, schlecht verheilte Narbe am Bauch davon zeugt, dass er seine Niere verkauft hat, um Reis für ein paar Monate zu kaufen. Und die Heerscharen junger Mädchen, die sich, kaum den Kinderschuhen entwachsen, für den Gegenwert einer Schüssel Suppe an allen Ecken als Sexware anbieten.

Brasilianische UN-Blauhelme patrouillieren durch Cité Soleil, Haiti - Weinert Brothers, A World in Distress (2015)

Brasilianische UN-Blauhelme patrouillieren durch Cité Soleil, Haiti – Weinert Brothers, A World in Distress (2015)

Das Gespräch zeigt unmissverständlich, dass die Zeit auf den Philippinen nicht nur bei mir deutliche Spuren hinterlassen hat. „Und jetzt? Soll es das gewesen sein?“, fragt Patrick aufgewühlt und schaut mich an. „Wir können doch jetzt nicht einfach nach Hause fahren und sofort wieder Werbung für irgendwelchen Luxuskram machen!“ Ich weiß haargenau, was er meint, nicke und verfalle in Grübeln. Mir ist klar geworden, dass dieser Trip unser gesamtes Wertesystem auf den Kopf gestellt und kräftig durchgeschüttelt hat. Die anfängliche Überwältigung, die Angst vor dem Ungewissen und vor allem der Zweifel an unseren eigenen Fähigkeiten sind einer noch undefinierten Art von neuem Selbstverständnis gewichen, das leise, aber beständig zu flüstern scheint: „Wir sind hier noch nicht fertig!“ „Was ist Armut?“ hieß die große Frage, mit der wir gekommen waren. Doch obwohl wir Armut nun wirklich in all ihren hässlichen Facetten gesehen, angefasst, gerochen und in Hunderten Bildern festgehalten haben, ist die Antwort längst nicht klar. Stattdessen haben sich zu der einen ursprünglichen Frage ein Dutzend andere, ebenso drängende, gesellt. Die lautesten davon: „Wer ist für dieses riesige Schlamassel verantwortlich?“ und „Was, verdammt nochmal, können wir tun?“ Unsere Gedanken kreisen. Die Teller sind längst abgeräumt, doch wir sitzen noch eine ganze Weile ratlos und fröstelnd auf den unbequemen Holzstühlen, die Ellenbogen auf den massiven Tisch gestützt.

Junges Mädchen in den Bergen Haitis - Weinert Brothers, A World in Distress (2015)

Junges Mädchen in den Bergen Haitis – Weinert Brothers, A World in Distress (2015)

Erst als die Kellnerin ungefragt die Rechnung bringt, realisiere ich, dass es nicht nur Zeit ist, zu gehen, sondern auch, eine Entscheidung zu treffen. Gerade will ich etwas sagen, doch Patrick kommt mir zuvor. „Wir machen ein Buch“, sagt er gedankenverloren, ohne mich anzuschauen. Er richtet sich auf, blickt mir jetzt direkt in die Augen und konkretisiert seine Idee sofort: „Einen Bildband zum Thema globale Armut, das ist es, das sind wir den Menschen schuldig.“ Ich lasse den Gedanken zunächst in die Windungen meines Hirns sickern, wage erstmal keine Antwort. Zu groß ist die Idee, zu großartig auch; das kann riesig werden, aber auch riesig schiefgehen. Die Blicke, die wir tauschen, sagen jedoch alles.

Einen Moment später lege ich ein paar zerknitterte Geldscheine auf den Tisch, wir stehen auf und verlassen zusammen das Restaurant.

Uns ist klar, dass das größte Abenteuer unseres Lebens erst jetzt beginnt.


Dies war der Prolog unseres dokumentarischen Bildbandes “A World in Distress”

  • DIN A4 Hardcover
  • 220 Seiten
  • Signiert und nummeriert
  • Limitierte Auflage von 500 Exemplaren
  • Über 100 Fotografien aus Burkina Faso, Nepal, Haiti und den Philippinen
  • Reiseberichte und Anekdoten auf mehr als 80 Seiten in zwei Sprachen (Deutsch und Englisch)
  • Veröffentlichung am 24. Juni 2015
  • Lieferzeit ca. 7-9 Werktage
  • Verfügbar als Printversion (45 €) und PDF Version (20€)
  • Druck, Vertrieb und Unterstützung dreier gemeinnütziger Organisationen wurden mithilfe von Crowdfunding finanziert. Erreichte Summe: 15.000 €

Restexemplare sind jetzt in unserem Shop verfügbar.

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